Call for Papers

Kann Schule gesellschaftlich bilden?

Beiträge der sozioökonomischen Bildung in der Sekundarstufe II

Themenband in der Reihe „Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft“ (Springer VS)


Vor mehr als zwei Jahrzehnten führte die Kultusministerkonferenz in Deutschland die Lernfelddidaktik als Grundprinzip des Unterrichts in der Berufsausbildung der Sekundarstufe II ein. Sie zielt unter anderem auch darauf ab, Themen und Probleme der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bildung der Auszubildenden bevorzugt im Kontext von beruflichen Situationen zu behandeln.

Die Schulen der Sekundarstufe I und der allgemeinbildenden Sekundarstufe II erleben ebenfalls seit rund zwei Jahrzehnten einen starken Ausbau der Berufsorientierung, die vielfach institutionalisiert wurde. Vor allem den Fächern der sozialwissenschaftlichen Domäne und der sozioökonomischen Bildung wird dieses Aufgabenfeld zugeschrieben. Generell gewinnt die Ausrichtung von Bildung und Lernen auf Berufstätigkeit zeitlich, inhaltlich und sozial an Gewicht, sei es mit Blick auf eine Berufsausbildung oder auf ein Studium.

Stufen- und systemübergreifend verstärken Programme zur Entrepreneurship Education diesen Trend, hinter dem man eine Verberuflichung von Bildung im allgemeinen und beruflichen System vermuten kann. Der Beruf, so kann man behaupten, wird zum allgemeinen, übergeordneten und prioritären Sinn und Zweck der Bildung.

Nimmt man darüber hinaus das vielfältige Phänomen der „Bildung für …“ in den Blick, erscheint eine nicht auf praktische Nutzeffekte ausgerichtete Bildung in den Schulen als programmatisch eher randständig. Das hat zumindest für die Domänen eine gewisse Plausibilität, die für die sozioökonomische Bildung unmittelbar relevant sind: Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Recht. Hier folgt Bildung anscheinend überwiegend einer instrumentellen Rationalität – die extern vordefinierten Zwecken dienen will, die im öffentlichen Diskurs mehrheitlich als wünschenswert und politisch legitim gelten.

Prominente Beispiele bieten Bildung für Wirtschaftswachstum und Chancengleichheit, für Innovation, für die Arbeitswelt, eine nachhaltige Entwicklung, für Haushalts- und Lebensführung, nachhaltigen Konsum, Finanzkompetenz und Schuldenprävention, die Informationsgesellschaft, das digitale Zeitalter, die soziale Marktwirtschaft, die Demokratie, Europa, die Weltgesellschaft, eine solidarische Welt oder eine Welt in Transformation. Sie nehmen die Personen mittels schulischer Bildung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme in die Pflicht, ihre Bildung wird instrumentalisiert.

Selten trifft man dagegen auf Programme, die auf eine Bildung für die Persönlichkeit und ihre möglichst selbstbestimmte Entwicklung dringen. Nur spärlich vertreten sind auch Argumentationslinien, die Wissen und Erkennen, Können und Reflektieren als Eigenwert für die Person und ihr Leben in der Gesellschaft betrachten. Wie Gesellschaften funktionieren, was sie prägt, zusammenhält und weiterentwickelt, kommt kaum zur Sprache. Als ebenso rar erweisen sich Ansätze, die auf eine ergebnisoffene und selbstbestimmte Auseinandersetzung der lernenden Personen mit den gesellschaftlichen Problemlagen zielen, die sie selbst für relevant halten. Gesellschaftliche Ansprüche und Kritik, Innovation und Kreativität, Fantasie und Utopie von unten kommen kaum vor. Welche Problemlagen dringend, welche gesellschaftlichen Transformationen nötig und sinnvoll sind, steht bereits fest, bevor sich junge Menschen damit in der Schule auseinandersetzen können. Gesellschaftliche Bildung – als die „Bildungen für“ umfassende Rahmung – bleibt im Schulsystem ein Randphänomen.

Vor dem Hintergrund dieser versuchsweisen, vorläufigen und selbstverständlich unvollständigen Situationsskizze laden die Herausgebenden des Themenbandes Autor*innen ein, einen Beitrag aus dem Spektrum der folgenden Fragenkomplexe für die Sekundarstufe II im allgemeinen und im beruflichen Bildungssystem einzureichen:

(1) Trifft die Diagnose der Dominanz einer instrumentellen Rationalität der schulischen Bildung für die sozioökonomische Bildung in der sozialwissenschaftlichen Domäne zu? Stimmt es, dass gesellschaftliche Bildung als umfassendes Konzept marginalisiert ist? Welche empirische Evidenz kann man dafür oder dagegen anführen? Wie muss man Diagnosen und Evidenzen differenzieren? Hängen Vorstellungen von Wirtschaft und wirtschaftlicher Bildung mit der Verbreitung von instrumenteller Rationalität zusammen?

(2) Wie ist der Stand der einschlägigen Forschung mit Bezug auf die schulische Bildung? Was sind wesentliche Befunde, wo bestehen relevante Forschungsdefizite? Was folgt daraus für die domänenspezifischen Diskurse über instrumentelle Rationalität und gesellschaftliche Bildung?

(3) Was kennzeichnet die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Diskussionen zur übergeordneten Rationalität schulischer Bildung und zur Bedeutung gesellschaftlicher Bildung? Was heißt das für die Forschung zu sozioökonomischer Bildung?

(4) Wie ist eine dominant instrumentelle Rationalität von schulischer Bildung generell und mit Bezug auf die Domäne aus Sicht einer sozioökonomischen Bildung und einer sozioökonomischen Bildung zu beurteilen? Was bedeutet sie für die Gestaltung von sozioökonomischen Bildungsprozessen? Was bewirkt sie für die gesellschaftliche Bildung junger Menschen und ihre gesellschaftlichen Gestaltungschancen?

(5) Welche Chancen und Probleme, Aufgaben und Ansätze folgen aus einem Vorherrschen von instrumenteller Rationalität und aus einem Abblenden gesellschaftlicher Bildung für die Arbeit in den Feldern der domänenspezifischen fachdidaktischen Forschung, der Lehrkräfteausbildung und Curriculumentwicklung, der Unterrichtskultur und Bildungspolitik?

(6) Wie sehen die Lernenden die Schule als Institution und Organisation, deren Ziele und Rationalitäten? Wie werden sie von der schulischen Bildung adressiert, welche ihrer Interessen, Positionen oder Rollen finden Berücksichtigung, welche nicht?

(7) Wie positionieren sich Schulen und Schulentwicklung in ihren Selbstbeschreibungen zur instrumentellen Rationalität? Wie gehen schulische Akteur*innen damit um, wie interpretieren und beurteilen sie sie in ihren Situationen? Welche Bilder, Praxen und Erzählungen entstehen in Lehrkräfteausbildung, Bildungsadministration, Schulen und Unterricht?

(8) Was soll und was kann eine sozioökonomische Bildung im allgemeinen und im berufsbildenden System vor diesem Hintergrund leisten? Was versteht sie unter einer gesellschaftlich gebildeten Person? Wie kann sie gesellschaftliche Bildung aus ihrer Domäne heraus inhaltlich konzipieren? In welchen schulischen Zusammenhängen und Lernformen soll sie verankert und wie soll sie organisatorisch abgesichert werden?

Eckdaten und Verfahren

  • Abstracts sind erwünscht und können in deutscher oder englischer Sprache im Umfang von maximal 250 Wörtern verfasst werden. Sie enthalten Namen, E-Mail-Adressen, institutionelle Verortung der Autor*innen, Arbeitstitel sowie – soweit anwendbar – Hinweise auf Themen-, Problem- und Fragestellung, Zielsetzung, theoretische Konzepte, methodisches Design und erwartete Ergebnisse.
  • Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihr Abstract bis spätestens zum 15. Februar 2023 an folgende Adresse einreichen: soebw.springer-series-9.soz@uni-bielefeld.de
  • Die Beiträge zum Themenband sind bis spätestens 14. Juni 2023 an soebw.springer-series-9.soz@uni-bielefeld.de als Word-Datei einzuschicken. Sie umfassen maximal 6.000 Wörter oder 45.000 Zeichen (incl. Leerzeichen), einschließlich Literaturverzeichnis. Grafiken und Tabellen benötigen Platz, sie verringern die maximal verfügbare Wörterzahl.
  • Hinzu kommt ein Abstract in deutscher und englischer Sprache, das einschließlich der Keywords max. 300 Wörter umfasst.
  • Bitte gestalten Sie Ihren Beitrag gemäß den „Regeln für Manuskripterstellung und Lektorat“ und nutzen Sie beim Verfassen die „Formatierungsvorlage“ für die Buchreihe. Beides kann hier angefordert werden: soebw.springer-series-9.soz@uni-bielefeld.de
  • Wir erbitten Ihren Beitrag in zwei Versionen, eine anonymisierte (im Text sowie in den Dateiinformationen) und eine mit den üblichen Angaben zur Person.
  • Die Beiträge werden von mindestens zwei externen Gutachter*innen im Double-blind-review-Verfahren geprüft.
  • Der Sammelband erscheint in der Buchreihe „Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft“, die im Verlag Springer VS von Nicole Ackermann (Zürich), Tim Engartner (Köln), Christian Fridrich (Wien), Silja Graupe (Koblenz), Udo Hagedorn (Bielefeld), Reinhold Hedtke (Bielefeld) und Georg Tafner (Berlin/Graz) im Namen der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) herausgegeben wird. Bandherausgeber*innen sind Udo Hagedorn, Reinhold Hedtke und Georg Tafner.
  • Der Band wird voraussichtlich Anfang 2024 veröffentlicht.

Kriterien für die Auswahl der Beiträge und der Reviews

  • Berücksichtigung der Befundlage und des theoretischen Kontextes:
    Ist der Forschungsstand berücksichtigt? Sind die Fragestellungen klar definiert? Ist die Argumentation nachvollziehbar?
  • Relevanz für die Forschung, Prüfungspraxis und deren Fortentwicklung:
    Ist der Beitrag neu bzw. liefert er innovative Erfahrungen? Wie trägt er zur Weiterentwicklung von Theorie und Praxis bei?
  • Erfüllung (fach-)wissenschaftlicher Standards:
    Handelt es sich um eine Studie in Vorbereitung oder ist sie bereits realisiert? Sind alle erforderlichen Informationen vorhanden? Sind Untersuchungsdesign, Methoden und statistische Prozesse angemessen? Sind Ergebnis, Diskussion und Folgerungen nachvollziehbar?