Prof. Silja Graupe

Gegenwärtig stehen wir vor dem Rätsel, wie eine ihrer Genese nach weltferne und äußerst einseitige Wirtschaftswissenschaft zugleich gesamtgesellschaftlich ungeheuer wirkmächtig sein kann. Will sozioökonomisches Denken dieses aktuelle und drängende Rätsel läsen, so muss es nicht nur die Wirtschaft wieder bewusst in ihre gesellschaftlichen, politischen, historischen und kulturellen Kontexte einbetten, sondern auch erforschen, wie ökonomisches Wissen selbst als integraler Bestandteil der Wirklichkeit fungiert und welche Verantwortung sowie Veränderungspotentiale daraus für Ökonomen und Ökonominnen resultieren. Die neue Gesellschaft wird sich diesen und weiteren Herausforderungen „zwischen“ Gesellschaft und Wissenschaft nicht nur inhaltlich stellen, sondern ihnen auch institutionell einen Ort geben – eine Rarität in der gegenwärtigen Wissenslandschaft. Besonders ist auch, dass die Gesellschaft Fragen der Bildung einen besonderen Platz einräumt, wohlwissend, wie konstitutiv diese sowohl für die Wissenschaft als auch die Didaktik sind. Zur Person: Silja Graupe ist Professorin für Ökonomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule sowie Vizepräsidentin und Gründungsmitglied dieser Hochschule. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen institutionell im Aufbau neuer Bildungsstrukturen, die eine Widerständigkeit gegen die Ökonomisierung der Bildung zu leisten imstande sind; dazu gehören u.a. grundlegend neue Formen der Hochschulfinanzierung sowie Entwicklung und Aufbau pluraler wie interdisziplinärer Master- und Bachelorstudiengänge der Ökonomie. Fachlich liegen ihre Schwerpunkte auf der Kritik der ökonomischen Lehrbuchwissenschaft, der Neuformulierungen der ökonomischen Bildung, erkenntnistheoretischen Perspektiven auf die Ökonomie und auf der interkulturellen Philosophie. Ausgewählte Schriften: „Ökonomische Bildung. Die geistige Monokultur der Wirtschaftswissenschaften und ihre Alternativen“ (2013), „Wirtschaftswachstum und Bildungswiderstand (2016) und „Der kühle Gleichmut des Ökonomen“ (2014). Diese und weitere Veröffentlichungen unter www.silja-graupe.de

Prof. Dr. Bettina Zurstrassen

Wir brauchen eine sozioökonomische Bildung, weil Lernende in einer Demokratie das Recht haben, ökonomisch geprägte gesellschaftliche Probleme und Lebenssituationen aus der Perspektive unterschiedlicher Theorieansätze und Erkenntnisse aus der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Wirtschaftswissenschaft deuten zu können. Die Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen und Lebenssituationen bedarf der Fähigkeit, auf der Basis unterschiedlicher Theorien und Erkenntnisse Handlungs- und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Sozioökonomische Bildung ist fair, weil Lernende mit dieser Aufgabe nicht alleine gelassen werden, sondern das Bildungssystem, Schulen und Hochschulen, sich der Verpflichtung stellen, Lernende hierzu zu befähigen.

Prof. Dr. Ulf Schrader

Wir brauchen sozioökonomische Bildung, weil traditionelle ökonomische Bildung immer der Gefahr einer ökonomistischen Verengung ausgesetzt ist. Ein Schulfach Wirtschaft mit der Wirtschaftswissenschaft als einziger Bezugsdisziplin ist meines Erachtens nicht geeignet, Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung eines angemessenen, kritischen Blicks auf ökonomische Zusammenhänge in modernen Gesellschaften optimal zu unterstützen. Aus guten Gründen haben sich in Deutschland unterschiedliche Integrationsfächer für die Vermittlung ökonomischer Bildung herausgebildet; beispielsweise die Arbeitslehre, für die wir an der TU Berlin zukünftige Lehrkräfte ausbilden. Als Wirtschafts- und Politikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt im Bereich des nachhaltigen Konsums schätze ich an der „Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft“ auch die explizite fachliche Öffnung über didaktische Fragestellungen hinaus.

Prof. Dr. Till van Treeck

Sozioökonomische Bildung regt Lehrende und Lernende dazu an, wissenschaftliche und gesellschaftliche Kontroversen über wirtschaftliche Zusammenhänge als zentralen Bestandteil des Gegenstandsbereichs Ökonomie anzuerkennen. Allzu oft stellen einflussreiche wirtschaftswissenschaftliche Standardlehrwerke, die vom dominanten ökonomischen Denken aus der Zeit vor den großen Wirtschafts- und Finanzkrisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt sind, vereinfachte Kernaussagen des neoklassischen Paradigmas noch immer als scheinbar objektive Gesetzmäßigkeiten dar und leiten daraus einfache marktliberale Politikempfehlungen ab. Sozioökonomische Bildung leugnet nicht die Existenzberechtigung des neoklassischen Paradigmas, aber sie fordert auf allen Ebenen des Bildungsprozesses (Schule, Studium, Forschung) theoretischen und methodischen Pluralismus, Interdisziplinarität, Selbstreflexion und die ideengeschichtliche Einordnung sozialwissenschaftlicher Theorien.

Dr. Alexander Lenger

Zur Durchdringung der zunehmend komplexeren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse ist eine informierte und gut begründete sozialwissenschaftliche Bildung eine unabdingbare Grundvoraussetzung. Hierzu bedarf es einer kulturellen bzw. kontextualen Sichtweise, die die einseitige und verkürzte Ausrichtung der sogenannten Mainstream-Ökonomik ergänzt. Denn um zu realitätsnahen und in der Praxis umsetzbaren wirtschafts- und sozialpolitischen Schlussfolgerungen zu gelangen, muss eine moderne Ökonomik die soziale Einbettung der Wirtschaftsakteure systematisch berücksichtigen, d.h. die sozialen Beziehungen und kulturellen Referenzpunkte von Individuen in die ökonomische Analyse integrieren. Es gilt neben der politischen Dimension explizit auch die Bedeutung von Normen, Institutionen, kultureller Prägung, Sozialisationserfahrungen, soziale Ungleichheiten, Machtasymmetrien und die Begrenztheit kognitiver Prozesse zur Erklärung moderner Wirtschaftsordnungen heranzuziehen. Ziel einer sozioökonomischen Bildung muss es sein, Lernende zur Selbstbestimmung und zu gesellschaftlicher Verantwortung in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhängen zu befähigen.

Prof. Dr. Stefanie Hiß

Sozioökonomische Bildung ist der Schlüssel zu einem komplexen und vernetzten Denken. Sie bereitet den Nährboden für eine ausgewogene Diskussion über die vielfältigen gesellschaftlichen, politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft.

Prof. Dr. Tim Engartner

Sozioökonomische Bildung muss den Forderungen nach einer Erneuerung der Ökonomie Rechnung tragen, indem sie ihrem Selbstverständnis nach weniger eine Natur- als vielmehr eine multiparadigmatische Sozialwissenschaft darstellt, um sich den Prinzipien der Interdisziplinarität und Kontroversität ebenso zu verpflichten wie der permanenten ethischen Reflexion. In Zeiten, in denen immer mehr Gesellschaftsbereiche nach dem Vorbild des Marktes geordnet werden, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit dessen (Dys-)Funktionalitäten unabdingbar. Um die wechselseitigen Bezüge zwischen Politik, Soziologie und Ökonomie einerseits und ihre bisweilen unterschiedlichen Logiken andererseits zu erklären, müssen Lehr- und Lerninhalte thematisiert werden, die eine „Klammer“ zwischen diesen Sphären bieten.

Prof. Dr. Matthias Thiemann

„Sozioökonomische Bildung muss mehr sein als nur ein „tool-kit“, welches Schülerinnen und Schüler befähigt, in einer finanzialisierten Welt gut zurechtzukommen. Sie muss vielmehr auch die kritische Reflexion über den gesellschaftlichen Wandel hin zur Finanzialisierung anregen und alternative Pfade aufzeigen. Gesellschaft braucht Kritik, um nicht allein von den herrschenden Klassen/Eliten gestaltet zu werden.“

Prof. Dr. Sibylle Reinhardt

Allgemeine Bildung bereitet nicht auf bestimmte Berufe und auch nicht auf das Studium bestimmter universitärer Fächer vor, sondern hilft den jungen Menschen bei der Bewältigung vieler unterschiedlicher Situationen: privat oder sozial oder politisch. Moderne Gesellschaft ist auch eine ökonomisierte Gesellschaft, d.h. viele Lebensbereiche werden von ökonomischen Prinzipien beeinflusst. Diese Gesellschaft beeinflusst aber ihrerseits den ökonomischen Teilbereich durch soziale Voraussetzungen und Rahmungen und auch durch politische Entscheidungen über die Rahmenbedingungen ökonomischen Handelns und zur Vermeidung oder Kompensation illegitimer Resultate der Marktprozesse. Am Beispiel der Berufsorientierung sieht man, dass Prozesse subjektiver Identität und kollektiver Interessenvertretung sowie soziale Strukturen in Betrieben thematisiert werden müssen, damit ein verantwortliches, realistisches und zukunftsfähiges Bild erworben werden kann. Die Einbettung in ökonomische Zusammenhänge kann also nicht allein den Zugang zum Beruf eröffnen, weil das viel zu eng gefasst wäre. Allgemeine Bildung muss ihrem Anspruch nach solche Zusammenhänge und Widersprüche thematisieren, fundieren und reflektieren. Sozio-ökonomische Bildung bezieht sich deshalb auf alle drei großen Sozialwissenschaften (Soziologie, Ökonomie, Politologie) und – je nach Gegenstand - auf weitere Disziplinen. Die schwierigste Aufgabe, nämlich Zusammenhänge und Widersprüche zu sehen, zu analysieren und zu bewerten, darf nicht auf die Lernenden abgewälzt werden – weil Schule dazu angeblich nicht in der Lage ist. Deshalb ist ein integriertes und integrierendes Fach unerlässlich.

Prof. Dr. Werner Nienhüser

Wir brauchen sozioökonomische Bildung aus drei zusammenhängenden Gründen: Erstens, weil der herrschende Diskurs der Ökonomik durch realitätsferne oder sogar ausdrücklich kontrafaktische Theorien gekennzeichnet ist, die wirtschaftliche Strukturen (z.B. Vermachtung im Unternehmenswettbewerb) und Prozesse (z.B. Krisen) nicht überzeugend erklären können. Zweitens, weil die Annahme vorherrscht, dass "der Markt" allen anderen Steuerungsinstrumenten immer überlegen ist und - daraus folgend - alle Lebensbereiche vermarktlicht werden müssten. Drittens, weil Ökonomie nicht im sozialen Vakuum stattfindet, in den vorherrschenden Theorien jedoch Institutionen wie die Mitbestimmung und Organisationen wie etwa Gewerkschaften entweder gar nicht vorkommen oder aber als marktwidrig dargestellt werden.

Prof. Dr. Tatiana Zimenkova

Oftmals vertreten die Studierenden, d.h. die angehenden Lehrkräfte ein sehr disziplinär geprägtes Bild auf die Inhalte der sozialwissenschaftlichen (Schul-)Fächer. So rahmen sie beispielsweise wirtschaftliche Phänomene monodisziplinär; durch diese eindimensionale Rahmung konstruieren die Lehrkräfte dann ggf. die Bedeutung der betreffenden Fächer für die Lebensrealität ihrer Schüler*innen. Demnach werden die Entwicklungen und Logiken des Marktes (aber auch z.B. Konsum, was als besonders relevant für die Schüler*innen betrachtet wird) getrennt von gesellschaftlichen Entwicklungsphänomenen behandelt. Dasselbe trifft für die politischen Institutionen und Prozesse zu; auch diese werden getrennt von der Wirtschaftsperspektive aber auch getrennt von genuin sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet. So entsteht bei Schüler*innen ein simplizistisches Bild von drei getrennten Gesellschaftsbereichen. Die Vermittlung eines zusammenhängenden Gesellschaftsbildes leidet somit und wird mitunter durch vermeintlich einfachere (eventuell neoklassische) Erklärungen ersetzt. Dies ist in zweierlei Hinsicht problematisch: die Lehrkräfte greifen zu unterkomplexen Gesellschaftserklärungen und können somit keine ganzheitliche sozioökonomische Perspektive, d.h. auch keine komplexen interdisziplinären Analysemethoden an die Schüler*innen vermitteln. Zum anderen betrachten die (zukünftigen) Lehrkräfte die Entscheidungen, das Verhalten und die Motivationsfaktoren ihrer Schüler*innen aus der neoklassischen Perspektive, und somit relativ eindimensional; dadurch entsteht die Schwierigkeit, die Schüler*innen in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Genau hier soll die sozioökonomische Bildung in der Komplexität ihrer Ansätze, die die Gesellschaftsrealität und auch die Realität der Schüler*innenlebenswelt zu erfassen sucht, mit ihren interdisziplinären Methoden ansetzen. Sozioökonomische Bildung birgt komplexe Erklärungspotenziale, die für die Mitglieder einer modernen Gesellschaft unabdingbar sind, um sich in ihrer unmittelbaren Lebenswelt zu orientieren und eigenverantwortlich zu handeln.

Harald Hantke

Um individuell relevant zu sein, muss sich ökonomische Bildung an den Lebenswelten der Lernenden orientieren. Eine derartig angelegte ökonomische Bildung ist sozio*ökonomische Bildung. Sie bietet den Lernenden die Möglichkeit, ihre Rollen im Spannungsverhältnis zwischen ökonomischem, ökologischem und sozial-kulturellem Denken und Handeln kritisch zu reflektieren. Sozio*ökonomische Bildung kann im Prozess der (ökonomischen) Sozialisation der Lernenden somit als Kontrastmittel verstanden werden, das zur Förderung ihrer Selbstbestimmung beiträgt.

Prof. Dr. Andreas Fischer

Sozioökonomische Bildung bietet aufgrund ihrer multiparadigmatischen, interdisziplinären und ethischen Reflexion eine Orientierung und hilfreiche Anregungen, die kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung etablieren zu können.

Prof. Dr. Reinhold Hedtke

Die Antwort auf Diversität, Komplexität und Kontroversität von Wirtschaft und den damit befassten Sozialwissenschaften heißt sozioökonomische Bildung. Wissenschaftliche Redlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung erfordern eine pluralistische Hochschullehre und einen pluralen Unterricht über Wirtschaft und ihre Verhältnisse zur Gesellschaft. Nur wer die Vielfalt des wissenschaftlichen Denkens über Wirtschaft und die Vielgestaltigkeit wirtschaftlichen Handelns kennt, kommt mit den wirtschaftlichen Realitäten von heute zurecht. Deshalb gehört auch die Pluralität der gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Vorstellungen von guter Wirtschaft und gutem Wirtschaften in die Curricula von Schulen und Hochschulen. Mit diesen und weiteren Themen setzt sich der sozio*ökonomische Diskurs über Lehre und Unterricht auseinander. Raum und Rahmen dafür bietet die Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft.

Prof. Dr. Udo Hagedorn

Sozioökonomische Bildung ist grundlegender Teil und Rahmen einer fundierten Auseinandersetzung mit Programmen der Berufsausbildung. Sowohl der Aspekt der Bildung als auch der der Sozioökonomie sind in ihrer Verknüpfung Reflexionsscharniere für die pädagogische, didaktische und fachdidaktische Diskussion, um Curricula in breiter gesellschaftlicher Verantwortung entwickeln, bewerten und umsetzen zu können. Konstruktion und Begrenzung fachbezogener Felder sind in ihrer Inszenierung sozialwissenschaftlich auf Disparitäten, ihre Produktion und Reproduktion in den Blick zu nehmen.

Prof. Dr. Andreas Nölke

Die extreme Spezialisierung in den modernen Sozialwissenschaften verhindert eine Analyse ökonomischer Prozesse, die deren historische, politische und soziale Bedingtheit reflektiert. Sozioökonomische Bildung muss multidiziplinär angelegt sein, um wieder zu einer angemessenen Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragestellungen zu führen.

Prof. Dr. Gerd-E. Famulla

Die Lehre von der universalen Anwendung des Kosten-Nutzen-Kalküls auf alle Lebenssituationen verstärkt die Selbstökonomisierung der Lernenden und vermittelt die Gewissheit, dass die ökonomische Weltsicht die richtige ist. Die sozioökonomische Bildung (SÖB) erkennt dagegen die Vielfalt von Handlungsmotiven an und behandelt den Homo oeconomicus, der seinen Nutzen bzw. die ökonomische Effizienz zu maximieren trachtet, als ein Akteurmodell neben anderen. SÖB reflektiert das historisch wandelbare Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft, legt einen materialen Begriff von Wirtschaften zu Grunde und geht von einer dienenden Funktion der Wirtschaft gegenüber Gesellschaft und Politik aus. SÖB ist problemorientierte Bildung. Sie orientiert sich weniger am Geltungsanspruch wissenschaftlicher Disziplinen, als an der Existenz und Lösung individueller und gesellschaftlicher Problemlagen und an der Entwicklung von kritischer Handlungsfähigkeit. SÖB fragt auf diesem Hintergrund nach den Bildungsbeiträgen aus den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen und räumt den verschiedenen Wissensformen (wissenschaftliches, berufliches, Alltags-Wissen) den gleichen Rang ein. Wirtschaftliches Denken und Handeln bedarf der Verständigung mit anderen. Anstelle des autonomen Subjekts, das sich im Homo oeconomicus manifestiert, vertritt SÖB als Bildungsziel, selbstbestimmt und solidarisch mit anderen handeln zu lernen.

Prof. Dr. Walter Otto Ötsch

Wir leben in einer ökonomisierten Gesellschaft: ökonomische Kalküle und regeln sind für viele Lebensbereiche bestimmend geworden. Die Ökonomik ist zur Leitwissenschaft der Gesellschaft geworden. Dies wurde u.a. dadurch möglich, dass sie sich selbst als „imperial“ versteht, sie kann sich dabei keine Grenze für ihre Anwendungsmöglichkeiten definieren, – und zweitens, weil sie (im Unterschied z.B. zur Klassischen Politischen Ökonomie) den Begriff Gesellschaft verloren hat. Ein Verständnis der ökonomisierten Gesellschaft verlangt eine Ökonomik, die sich selbst in ihren sozialen und kulturellen Einbettungen begreift, mit anderen Worten: eine genuin sozioökonomische Position. Erst von dieser Warte können die performativen Wirkungen der traditionellen Ökonomie mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft analysiert und Elemente einer neuen Sichtweise des Wirtschaftssystems entwickelt werden.

Prof. Dr. Christian Fridrich

Der Unterrichtsgegenstand „Geographie und Wirtschaftskunde“, welcher an Österreichs Schulen in der Sekundarstufe gut verankert ist, versteht Wirtschaft als gesellschaftlich eingebettet und mitgestaltbar: Im Zentrum steht der in gesellschaftlichen Kontexten räumlich und wirtschaftlich handelnde Mensch. Ein zentrales Ziel ist, die verantwortungsvolle sowie reflektierte Weltaneignung von jungen Menschen im Sinne der Entfaltung von Orientierungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit zu fördern. Dazu leistet die sozioökonomische Bildung durch ihre grundlegenden Charakteristika wie Wissenschaftsorientierung, Multidisziplinarität, inhaltliche Mehrperspektivität, kritische Sichtweise, Aktualitäts- und Zukunftsorientierung sowie Schüler- und Lebensweltbezug einen hervorragenden Beitrag.

Dr. Christoph Gran

Der Kontakt von Schüler*innen und Studierenden mit dem Fach „Wirtschaft“ besteht meist darin, dass sie den herrschenden Ansatz des neoklassischen Denkgebäudes (auswendig) lernen: Homo oeconomicus, Marktgleichgewicht, technischer Fortschritt, Wachstum und Effizienz bilden das Denkgerüst, in dem sich die späteren Mitglieder der Gesellschaft lernen zu bewegen. Dieses „Wissen“ ist jedoch zu eindimensional in seiner theoretischen und methodischen Herangehensweise und vernachlässigt in seiner Analyse andere Denkschulen und Methoden sowie historische, gesellschaftliche und ökologische Rahmenbedingungen. Hierdurch entsteht eine gravierende gesellschaftliche Fehlentwicklung kombiniert mit einer mangelnden Problemlösungsfähigkeit. Genau hier setzt die sozioökonomische Bildung an: Sie ist multidimensional und interdisziplinär und hat das Potential, die Grundlagen des gesellschaftlichen Denkens und Handelns zum Positiven zu verändern.

Prof. Dr. Martin Höpner

Der Gegenstand wirtschaftlicher Bildung darf nicht in der Vermittlung des Irrglaubens bestehen, dass es allen besser geht, wenn jeder an sich selbst denkt. Vielmehr geht es darum, unsere Wirtschaftsordnung in ihrem politischen, sozialen, historischen und internationalen Kontext zu erfassen und zu lernen, dass sie stetiger Veränderung unterworfen und Gegenstände gesellschaftlicher Konflikte und Aushandlung sind. Statt Einführungen in die Mikroökonomie und in das Gleichgewichtsdenken brauchen wir daher sozio-ökonomische Bildung.

Prof. Dr. Georg Tafner

Wir leben in einem ökonomisierten Europa. Meyer (2005) spricht von der Kultur der Rationalität und Vietta (2012) vom Imperium der Rationalität. Wie sollte und könnte wirtschaftliche Erziehung und ökonomische Bildung in einer Kultur aussehen, in der Zweckrationalität, Funktionalität und ökonomisches Denken eine kulturbestimmende Rolle einnehmen? Drei Antworten der Wirtschaftspädagogik und der ökonomischen Bildung sind möglich: Erstens kann die beschriebene kulturelle Situation ignoriert oder als nicht vorhanden abgelehnt werden. Zweitens kann dieser Diagnose im Allgemeinen zugestimmt werden, aber im Besonderen darin kein Grund erkannt werden, über die Ausrichtung der ökonomischen und kaufmännischen Bildung nachzudenken. Drittens kann die Herausforderung erkannt und eine Antwort darauf gesucht werden. Diese kann einerseits in einem Zugang gefunden werden, welche die Ökonomik und das Selbstinteresse in den Mittelpunkt stellt und damit den pädagogischen Auftrag gerade darin erkennt, der Ökonomisierung und Zweckrationalisierung zu dienen. Andererseits kann eine wirtschaftspädagogische Antwort gefunden werden, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt rückt und die gesellschaftlichen Folgen des ökonomischen Denkens und Handelns mitberücksichtigt sowie die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgabenstellungen reflexiv in Frage stellt. Diesen Weg versuche ich im Sinne einer reflexiven Wirtschaftspädagogik zu verfolgen. Das Eingebettetsein von Menschen und Organisationen in Gesellschaft und Kultur eröffnet die soziale Dimension und damit das Ethisch-Moralische und das Staatsbürgerliche, das sich nicht mehr allein auf den Nationalstaat bezieht, sondern sich um das Unionsbürgerliche erweitert hat. Da die Marktwirtschaft so wie der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann, werden Ethik und Politik zu Teilen der wirtschaftlichen Erziehung. Wirtschaftliches Tun ist also mehr als der Vollzug der rein ökonomischen Vernunft: Wirtschaftliche Erziehung ist ohne wirtschaftliche Inhalte leer, ohne Ethik blind und ohne Politik rahmenlos. (leicht veränderter Klappentext aus: Tafner, G. (2015): Reflexive Wirtschaftspädagogik. Wirtschaftliche Erziehung im ökonomisierten Europa. Eine neo-institutionelle Dekonstruktion des individuellen und kollektiven Selbstinteresses. Humboldt-Universität zu Berlin: Habilitationsschrift. Detmold: Eusl)

Aktuelles

21.03.2017

Jahre nach der Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise kommt die Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften nur schleppend voran. Auf der Agenda stehen insbesondere die Reform der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung und die Erneuerung der ökonomischen Bildung. Die frisch gegründete Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) macht diese Aufgaben zu ihrem Programm und vernetzt dazu Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Über 50 Personen aus Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Fachdidaktik und Wirtschaftspädagogik diskutierten ihr wissenschaftliches und fachpolitisches Programm in der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Starnberger See. Dort fand vom 16. bis 18. März 2017 die erste Jahrestagung der GSÖBW statt.

05.11.2016

Die Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft, englischer Name Association for Socioeconomic Education and Research, wird in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins errichtet. Sie führt den Namen „Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft“ mit dem Zusatz e.V. nach dem Eintrag in das Vereinsregister.

05.11.2016

Der Ruf nach interdisziplinärem Denken und Forschen steht auf der öffentlichen Agenda seit einigen Jahren weit oben. Die Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) trägt den Forderungen nach einer Erneuerung der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre Rechnung. Ihrem Selbstverständnis nach stellt sich sozioökonomische Bildung und Wissenschaft weniger als eine Natur-, son­dern vielmehr als eine multiparadigmatische Sozialwissenschaft dar.